Urlaubsjogging

Da will man doch lieber Baden als Laufen ...  © Frerk Schenker

Da will man doch lieber Baden als Laufen ... © Frerk Schenker

Im Urlaub wird der Sport fast immer zur Gretchenfrage. Soll ich oder soll ich nicht? Ich bin in diesem Jahr an Gretchen kläglich gescheitert: Ich wollte, aber es ging nicht. Trotzdem habe ich jede Menge übers Laufen gelernt. Vom Streckenrand aus.

Meine Laufschuhe landen auf Reisen immer ganz unten im Wanderrucksack, sozusagen als Bodensatz, der dem Rest Stabilität verleiht. Nach Zielen in Europa haben die Sohlen meiner Schuhe diesmal kubanischen Boden berührt. Ab und an laufen, Form halten und, wenn es geht, ein oder zwei schnellere Einheiten – das war der Plan. Durchkreuzt wurde er gleich am Flughafen von Havanna. Die Tür des Jumbos ging auf und vor mir war diese unsichtbare Wand: 35 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, brennende Sonne.

Um es kurz zu machen: Ich habe geschwitzt, aber fast nie beim Laufen. Den ersten Laufversuch habe ich an den viel zu steilen Bergen im weltberühmten Viñales-Tal gestartet.  Mit dem Resultat, dass mich die drei Bauern auf dem Eselkarren entgeistert ansahen, erst den Kopf schüttelten, dann milde lächelten und schließlich auf spanisch witzelten. Laufversuche zwei und drei fanden am Meer bei Cienfuegos und Havanna statt, doch auch dort musste ich nach weniger als 30 Minuten die Segel streichen. Es war einfach zu  heiß. So heiß, dass selbst die streunenden kubanischen Hunde, vor denen ich anfangs gehörigen Respekt hatte, nur faul herumlagen.

Läufer beißen? Auch den kubanischen Hunden war einfach zu warm. © Frerk Schenker

Läufer beißen? Auch den kubanischen Hunden war einfach zu warm. © Frerk Schenker

Erst viel später, gegen Ende der Reise, habe ich gemerkt, was mein Fehler  war. Die Hitze ist nur ein Problem, der europäisch denkende Kopf aber das viel größere. Denn in fast jeder großen Stadt habe ich Kubaner laufen sehen (irgendwo müssen sie ja sein, die vielen kubanischen Leichtathleten…) und mich gefragt, wie die das bloß machen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme sind die Einheimischen nämlich nicht hitezresistent. Im Gegenteil: „Hace mucho calor en Cuba“ (Frei übersetzt: Himmel, ist das heiß in Kuba) war der Satz, den ich täglich mindestens zehnmal gehört habe. Und ein Schweißtuch, mit dem Mann und Frau sich regelmäßig die Tropfen von der Stirn wischen, ist bei vielen Grundausstattung.

Während unsereins aber selbst im Urlaub und bei Hitze auf die Uhr schaut, Trainingspläne im Kopf hat und angestrengt überschlägt, wie viele Kilometer er nun schon zurückgelegt hat, lässt es der Kubaner gelassener angehen. Allein oder in der Gruppe, alle Läufer, die ich gesehen habe, strahlten eine innere Ruhe aus. Ein freundlicher Gruß an den hitzegeplagten Touristen aus Europa; ein Späßchen mit dem Mitläufer; eine Pause, um mit Freund oder Nachbarn zu quatschen. Laufen, aber bitte kein Stress: So lautet das Credo. Man stelle sich so etwas am Maschsee vor, dort, wo Otto-Normal-Läufer nur selten die Muße und Puste findet, ein gequältes „Hallo“ herauszubringen.

Und noch etwas war anders: Während sich der normale Läufer in Hannover vor jedem Training überlegt, welche Socken, Funktionsunterhemden, Ultraleichtschuhe und Trainingsüberwachungscomputer angelegt werden sollen, sind die kubanischen Läufer in rudimentärster Ausrüstung unterwegs (einmal habe ich sogar Läufer in Flip-Flops gesehen). Natürlich ist das den politischen und wirtschaftlichen Umständen geschuldet – trotzdem waren die Kubaner in zerrissener Shorts und notdürftig geflickten Schuhen häufig schneller und vor allem entspannter unterwegs als ich.

Nicht, dass ich unbedingt hätte tauschen wollen. Meine westeuropäischen Füße würden mich ohne Stützhubschaumstoffbettfedereinlagen in den Ultraleichtsupportschlagmichtotschuhen sowieso nicht allzu weit tragen. Trotzdem habe ich eines mitgenommen: Ein bisschen Gelassenheit würde uns Läufern manchmal ganz gut tun.

Mal eben umstellen auf den Easy-going-Modus – so schnell geht das zwar nicht. Ein Versuch ist aber zumindest wert. Am ersten Tag nach dem Urlaub bin ich deshalb einfach losgerannt – ohne mir Gedanken über Laufklamotten – und schuhe zu machen. Und ganz ohne Uhr und Plan im Kopf. Und siehe da: Es ist gar nicht so schlimm. Fragt sich nur, wie lange sich das wohl durchhalten lässt. Aber davon demnächst mehr …

Viñales

0 Gedanken zu „Urlaubsjogging

  1. Nobby

    Hallo Frerk,
    das mit dem Umstellen auf den Easy-going-Modus ist sicher so eine Sache. Gestern Abend, bei den schnellen Trainingsläufen auf der Bahn, sah das bei Dir eher nach dem Gegenteil aus (grins). Aber der beneidenswerte Urlaub auf Kuba ist ja auch vorbei, und Hannover hat Dich wieder …

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  2. Frerk

    Waren doch nur die letzten beiden Intervalle. Der Rest war (kubanisch) locker – inklusive Klönschnack mit den Mitläufern 😉

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