Gut geölt

Nun weiß ich endlich, wie Leinöl schmeckt. Es ist das Erste, was bei mir seit zwei Wochen auf den Tisch kommt. Und vermutlich würde der- oder diejenige, die versehentlich davon kosten würden, dazu nur sagen: Das ist ja das Letzte! Um es klar zum Ausdruck zu bringen: Nein, ich mag Leinöl überhaupt nicht, und morgens denke ich beim Aufstehen mit Horror daran, dass ich gleich wieder einen Esslöffel davon nehmen muss. Vor dem Frühstück auf nüchternen Magen. Igittigitt! Aber es soll helfen, und ich brauche Hilfe, und deshalb schlucke ich es runter.

Verordnet hat mir das gelbe Zeug, das pur so undefinierbar ekelhaft schmeckt, dass man sich am liebsten gleich übergeben möchte, Dr. M. aus Hannover, ein deutschlandweit bekannter Arzt, der sich auf Erkrankungen spezialisiert hat, die im Zusammenhang mit dem Laufen stehen. Er legt grundsätzlich großen Wert auf die ursprüngliche Natürlichkeit, die dieser Bewegungsform innewohnt. Darüber hat er auch schon dicke Bücher geschrieben, das bekannteste trägt gar den Titel „Laufbibel“ und gilt in manchen Kreisen als die Heilige Schrift dieses Sports.

Dr. M. hat aus besagtem Grund etwas gegen sogenannte gestützte Laufschuhe – das sind diese Treter, die mit allerlei technischem Schnickschnack auf der Innenseite ein Abknicken des Fußes verhindern sollen. Und er hat auch etwas gegen Einlagen, die ähnlich wirken. Ich hatte bisher (leicht) gestützte Schuhe und seit Jahren Einlagen, jetzt habe ich beides nicht mehr – dafür aber eine Flasche mit Leinöl, die ich jeden Morgen widerwillig aus dem Kühlschrank hole, und einen Therapieplan für zwölf Wochen, dessen Umsetzung seitdem meinen halben Vormittag ausfüllt.

Denn ich habe Achillessehnenbeschwerden, die einfach nicht verschwinden wollen. Und so fern ist der 18. April 2011 auch nicht mehr, der Tag, an dem ich beim Boston-Marathon an der Startlinie stehen will. Auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie im November voriges Jahres, als ich das Rennen in New York vor lauter Schmerz schon fast abgeschrieben hatte. Damals erwies sich die moderne Medizin in Form einer Stoßwellenbehandlung als Retter in der Not. Jetzt soll – unter anderem – Leinöl helfen, das als „ernährungstechnische Errungenschaft der Jungsteinzeit“ gepriesen wird. So in etwa schmeckt es auch: abgestanden wie aus Oromas Speisekammer. Doch ich muss auch eingestehen: Ich fühle mich besser, seitdem ich zum Leinöl greife.

Denn wenn ich jetzt morgens nach dem Aufstehen Richtung Küche unterwegs bin, dann bereiten mir die Achillessehnen merklich weniger Beschwerden als sonst. Läuft doch wie geschmiert, sage ich mir dann, um mir selbst Mut zu machen beim folgenden Griff zur braunen Flasche mit der geballten Ladung an Omega-3-Fettsäuren. Liegt es nur am Leinöl, dem Schampus für gestresste Läuferfersen, dass es mir spürbar besser geht? Oder wirkt der gesamte Plan von Dr. M. bereits Wunder, der für mich auch noch mit anderen Entdeckungen verbunden ist?

Ich weiß jetzt endlich, wo sich der fast in Vergessenheit geratene Trimmpfad in der Eilenriede befindet und was man dort so alles anstellen kann. Einmal pro Woche hangele ich mich von Station zu Station, statt in dieser Zeit durch die Döhrener Masch zu hecheln. Welch ein Glück, dass die Stadt Hannover kürzlich von ihren Abrissplänen gelassen hat! Und ich liebe seit zwei Wochen meine neue Blackroll! Kennen Sie nicht? Das ist ein Plastikteil, das einer Riesensalami ähnelt, die von beiden Seiten angeschnitten ist. Mit dem Ding kann man zu seinem eigenen Masseur werden, wenn zum Beispiel die Waden hart sind vom vielen Laufen.

Zehn Wochen Therapie laut Plan habe ich jetzt noch vor mir; Mitte Dezember werde ich wieder bei Dr. M. vorbeischauen. Bis dahin werde ich geschätzt zwei weitere Flaschen mit Leinöl gekauft und irgendwie geleert haben. Dass ich mich darauf freue, sie zu öffnen, kann ich nicht sagen. Eins aber weiß ich: Wenn ich danach wieder Achillessehen wie aus der Jungsteinzeit habe, dann lasse ich den Korken einer anderen Flasche knallen!

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen – auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

0 Gedanken zu „Gut geölt

  1. Rudert, Jürgen

    Gut geoelt, von Norb. Fettb.
    Mein Kommentar: Also das mit der Flasche und dem Löffel, und jeden Morgen vor dem Frühstück, finde ich schon eine interessant Mitteilung. Doch der Inhalt sagte für mich noch einiges mehr aus, denn “ auch Ich!“ , nehme Leinoel, jedoch in Kapselform (aus der Apotheke ( 19 Euro Rund , 600 Kapseln) Jeden Tag 2 .
    Ich konnte feststellen, das mein „Allgemeingefühl“ sich nach ungefähr 10 Kapseln, merkenswert verbesserte. AUch mein Stuhlgang wurde „Leichter!“, nicht ganz unwichtig (gerade mit 62). Ich hatte auch den Eindruck gewonnen, das sich mein Geist erholt hatte, denn ich war entspannter und Leistungsstärker, insbesonder was Durchdenken von bestimmten Dingen angeht. Das wichtigste jedoch nicht vergessen: Mein Blutfettwert Gesamt ( 330) hatte sich zwar nur auf 322 gesenkt, doch alle damit zusammenhängenden Werte waren „deutlich“ verbessert!
    Der Apotheker sagte, mit dem Leinoel wird etwa 25 – 40 % des zu verarbeitenden Fettes in den Darm abgeleitet und dort vernichtet !
    Ich weiß nun nicht, wie lange man das nehmen sollte, die Apothekerin sagt, eine Packung Fertig und dann mal 8 Wochen nix.
    Wie oft ich das wiederholen kann sagte sie nicht. Doch nachdem ich das Ganze nun zum 2. mal mache (7 Wochen Pause) stellte ich fest, das schon nach ungefähr 15 Tagen ohne Leinoel Kapsel, meine Stuhlgang schon wieder fest wurde und ich auch das manchmal leichte Völlegefühl (zu viel Fett Verarbeitung)wieder bekam.
    Ich wollte das, der Vollständigkeitenhalber, mitteilen. Es scheint wirklich etwas Gutes dran zu sein. Nur, wie Lange nimm t man das ?
    Und manchen wird Schwarz vor den Augen, wenn er diese riesigen Gelben Kapseln sieht, die ich Schlucke ! ( Würg..)
    doch ich hab damit keine Probleme mehr, geht Flutsch , runter.

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  2. Michael Löhle

    Hallo Norbert,
    mich würde interessieren wie es deinen Fersen nach der Leinöl-Kur nun ergeht. Ich selbst habe auch eine Läuferferse und bekam schon ESWT. Kältetherapie (Kryo) und auch Einlagen bekommen. Jedoch bekomme ich nach ca 8km Laufen immer noch Schmerzen. Nun bin ich auf der Suche nach der Wunderheilung.
    Gruss aus dem Saarland Mike

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  3. Nobby

    Hallo Michael,
    was soll ich sagen: Die Achillessehnen sind so gut wie ausgestanden. Das ist das, was zählt und den großen Aufwand vergessen lässt, den ich in den vergangenen Monaten in dieser Angelegenheit betrieben habe – und immer noch betreibe. Denn ich führe das von Dr. M. verordnete Therapieprogramm, das auch auf das Ausmerzen anderer Defizite (z.B. Muskeltrainung) zielt, weiter fort. Das Leinöl schmeckt nach wie vor furchtbar, es kommt aber trotzdem täglich auf den Tisch. Geschadet hat es mit Sicherheit nicht; ich kann aber auch nicht sagen, wie groß der Anteil der gelben Flüssigkeit am Gesundungsprozess ist. Dir gute Besserung; lass uns doch ideell mal zusammen einen Löffel Leinöl trinken!

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  4. Michael Löhle

    Hallo Norbert,
    freut mich, dass dein Körper positiv auf deine Behandlung anschlägt.
    Kannst du mir vielleicht dein Therapieprogramm mailen. Denn ich will nicht gleich wieder zu schnell anfangen, auch wenn die Motivation hoch ist. Jedoch habe ich durch die Laufabstinenz das Radfahren lieben gelernt. Triathlon hat mich schon immer interessiert, und bis zum Sommer ist es nicht mehr weit.
    Gruss
    Michael

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