Boston Marathon: Verflixte 13

Jetzt bleibt sie also liegen, unbenutzt und unbeachtet, und vermutlich wird sie im Altpapier landen zusammen mit anderem Überflüssigen, das am Sonntag im Hynes Convention Center eingesammelt werden wird, statt als Souvenir zu Hause in Hannover einen Ehrenplatz in der kleinen Sammlung besonderer Startnummern zu bekommen. 13 325 – eigentlich eine x-beliebige Zahl, die in dem Fall aber der Freifahrtschein für einen Marathon gewesen wäre, der nicht ist wie jeder andere auf dieser Welt. Nun gibt es dafür kommenden Montag in Boston keine Verwendung; liegt’s vielleicht auch an den ersten beiden Ziffern?

Die rechte Wade, in der es schon seit zwei Wochen gewaltig zwickt, schert sich einen Teufel darum, dass es ein wahr gewordener Traum gewesen wäre, beim traditionsreichsten Rennen der Welt zu starten. Oder will sie sich einfach dafür rächen, dass ich ihr in den vergangenen drei Monaten beim Trainieren einiges zugemutet habe, um für Boston in Form zu kommen?

Immerhin erinnert der Zinkleimverband, den mir eine freundliche Ärztin in dieser Woche verpasst hat, ein wenig an die neumodischen Kompressionsstrümpfe, die bei einem Marathon inzwischen so häufig zu sehen sind, ohne dass sie einem optisch unbedingt zur Zier gereichen. Muss man eben durch und sich dafür oder dagegen entscheiden. Wie auch beim Abwägen dessen, was zu tun ist, wenn man in Boston eigentlich zu den 26 000 gehört, die das Rennen um einen der begehrten Startplätze gemacht haben, dann verletzungsbedingt jedoch unerwartet und zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt zwischen die Stühle gerät. Antreten trotz des absehbaren Risikos, das Rennen nicht zu beenden? Oder die Laufsachen gleich zu Hause lassen und kommenden Montag, wenn es in Boston die 115. Auflage dieses Marathons geben wird, der damit übrigens genau so alt ist wie ein bekannter Sportverein aus Hannover, in die Zuschauerrolle wechseln? Flug und Hotel sind ja schließlich schon lange gebucht und bezahlt.

Beide Varianten habe ich verworfen, auch auf die große Gefahr hin, mich hinterher gewaltig zu ärgern. Der Flieger in Langenhagen ist am Donnerstag ohne mich gestartet; irgendwie meine ich, noch zu Hause in Döhren die Durchsage gehört zu haben: „Letzter Aufruf für Norbert Fettback.“ Boston 2011 ist damit endgültig passé. Es tut weh, dass es so gekommen ist. Aber noch mehr hätte es innerlich geschmerzt, am Patriots Day an der Strecke zu stehen, um den anderen zuzuschauen, wie sie sich ihren Traum erfüllen, ohne es ihnen gleichtun zu können.

Also bleibt meine Startnummer liegen. Verwendung dafür gibt es kommenden Montag nicht. Die Regeln der Boston Athletic Association lassen es auch nicht zu, dass sie sich ein anderer Läufer an die Brust heften kann – so der freundliche Hinweis auf meine Nachricht an den Veranstalter, vielleicht doch einen Nachrücker mit der 13 325 glücklich zu machen, wenn ich schon passen muss. In der Starterliste bleibt damit alles beim Alten. Ich gelte weiterhin als Teilnehmer, werde aber ein unbeschriebenes Blatt bleiben. Mein Eintrag in die Liste derjenigen, die in Boston das Ziel erreicht haben, muss warten.

So schnell gebe ich nun doch nicht auf.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

0 Gedanken zu „Boston Marathon: Verflixte 13

  1. Schnabbel

    Hallo, Nobby,

    das ist ja wirklich schade! So viel trainiert, von DEM Lauf geträumt und nun: Pustekuchen. Deinen „Gefühlscocktail“ kann ich mir gut vorstellen…
    Aber es zeichnet dich aus, dass du nicht wie Rumpelstilzchen reagierst, sondern nach vorne schaust und den Zieleinlauf dann eben im nächsten Jahr(?) anvisierst!

    Trink ein Gläschen Rotwein, knabbere ein paar Nüsse und denk dran: Es gibt Schlimmeres!

    Gute Besserung!

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  2. Carno

    Lieber Nobby, das tut mir wirklich leid für Dich! Hätte das nicht vor dem Paderborner Osterlauf oder dem Döhrener Abendlauf passieren können? Aber da kann man nichts machen, es gibt keinen Trost, wenn sowas passiert…

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  3. Matze

    Hallo Norbert,
    das ist wirklich ärgerlich!!!!!!!!!!
    Wenn man sich durch die kalten Monate quält beim „Kilometer-Fressen“, bei Dunkelheit und wer weiss welchem Wetter…..immer den Start in Boston im Kopf, um sich zu motivieren. Da kann ich echt nachvollziehen, dass man sogar das Flugticket verfallen lässt.
    Aber „so what“—dein letzter Satz lässt durchblicken, dass du dich nicht unterkriegen lässt und es wieder versuchen wirsd. Ich drücke dir dann alle Daumen, die ich habe und bin überzeugt, dass du es schaffst.
    Gruß Matze

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  4. Nobby

    So, inzwischen sind ein, zwei Gläschen Rotwein geleert, die malade Wade zeigt sich auf dem (sanften) Weg der Besserung (einen Zusammenhang schließe ich allerdings aus 🙂 ), die Seelenpein hat nachgelassen, wird am 18. April aber wohl noch mal aufleben, denn einen Klick im Internet auf http://www.universalsports.com, wo der Boston-Marathon zu sehen sein wird, werde ich mich trotz allem gönnen. Habt jedenfalls Dank für den Trost und die Aufmunterung. Ging runter wie Öl und hat gutgetan!

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