Hannover-Marathon: Hochgefühle am Tiefpunkt

Startschuss zum Marathon in Hannover. Foto: Petrow

Startschuss zum Marathon in Hannover. Foto: Petrow

Zwischen Büttnerstraße und Schützenallee hängen noch ein paar gelb-blaue Schilder an den Bäumen, als seien sie vergessen worden sein; beim Bummel durch die Stadt laufen einem stolze Träger eines Finisher-Shirts über den Weg, und wohl Tausende sind derzeit dabei, sich ihr Erinnerungsfoto vom 8. Mai zu bestellen. Der Hannover-Marathon 2011 ist Geschichte; und das ist so schnell passiert, dass an dieser Stelle noch mal Notiz davon genommen werden soll, um ihn nicht zu rasch in der Ablage verschwinden zu lassen. Das hätte er nicht verdient!

Denn für viele, die sich wochen- und monatelang darauf vorbereitet haben, war es ein Ereignis, das über den Tag hinaus Bestand hat – mit „Kaiserwetter“ und wirklich guter Stimmung am Streckenrand (wenn auch nicht durchgängig, was aber durchaus zu entschuldigen ist), einem neuen (importierten) Hannover-Rekord (bei den Frauen) und mit Bestzeiten für viele gestandene Maschseeumrunder und Eilenriederenner, die sie stolz wie Oskar machten.

Wer am Sonntag ein paar Stunden im Start- und Zielbereich verbracht hat, der hat besten Anschauungsunterricht davon bekommen, warum Hannover und Laufen zusammenzugehören scheinen wie das Schützenfest und die Lüttje Lage. Dafür sorgten nicht die Asse aus Afrika, die wirklich einen guten Job machten, sondern generationsübergreifend ganze Heerscharen sichtlich begeisterter Freizeitsportler.

Ausgepumpt, aber glücklich: Das waren die nachhaltigen Szenen des Tages, für die die Amateure sorgten. Für viele von ihnen ist es wie der Gewinn einer deutschen Meisterschaft, wenn sie etwa im Halbmarathon an der Zwei-Stunden-Grenze kratzen. Und das bei der Hitze und bei Gegenwind, der am Sonntag die endlose Nienburger Straße, für so manchen gegen Ende des Rennens ohnehin eine Spaßbremse, gefühlt doppelt so lang machte. Was scherte es sie, dass andere fast zweimal so schnell waren! Der Einlauf vor dem Neuen Rathaus, laut beklatscht nicht nur von der eigenen Familie und von guten Freunden, entschädigte sie für die Strapazen auf der Strecke.

Hannover wird nie eine Marathon-Hochburg werden wie Berlin mit seinen 40 000 Startern, die deutsche Hauptstadt auch im Laufsport und weltweit zum Quintett der ganz Großen gehörend. So ein Ansinnen wäre auch vermessen; wir überlassen es besser den Fußballern von 96, den Berlinern zu zeigen, wo es langgeht. In Hannover ticken die Uhren nun mal anders, wenn das große Laufwochenende ansteht, was nicht nur mit dem Mai und dem September zu tun hat, den traditionellen Marathonterminen in beiden Städten, die nun mal weit auseinanderliegen.

So sehen glückliche Finisher in Hannover aus. Foto: Fettback

So sehen glückliche Finisher in Hannover aus. Foto: Fettback

Alles ist ein bisschen kleiner in Hannover (leider, und zwar gehörig, auch immer noch das Marathon-Starterfeld), deshalb aber eben auch familiärer und weniger anonym. Den Kudamm kennt längst jedes Kind; seit Sonntag wissen dank der NDR-Liveübertragung im Fernsehen jetzt auch Zehntausende außerhalb Hannovers, wo in der List oder Hainholz der Bär steppt, wenn die Läufer unterwegs sind.

Aus persönlicher Sicht gibt es auch einiges anzumerken. Laufblog-Mitstreiter Frerk Schenker ist seinen ersten Marathon überhaupt gelaufen, und das unter drei Stunden. Auch Tage danach: eine tiefe Verbeugung! Nicht viel später kam Olli ins Ziel, der sich selbst den Spitznamen „Hautlappen“ gegeben hat (dabei hat er in den vergangenen Wochen aus erklärlichen Umständen um einiges zugelegt, was ihn nicht gerade wie Haut und Knochen erscheinen lässt). Deutlich über seiner Bestzeit, aber trotzdem happy: Verletzungspech, was ist das eigentlich, das war ihm vom Gesicht abzulesen.

Kumpel Holger war extra aus Frankfurt angereist, wohin es ihn vor einem dreiviertel Jahr verschlagen hat, um in der alten Heimat beim Halbmarathon zu starten. Ihm scheint es, leider, wie der Eintracht in der Fußball-Bundesliga zu ergehen: totale Formschwäche, bedingt durch Fersensporn und Trainingspausen. Es ist noch gar nicht lange her, da hat er beim Halbmarathon die 1:30-Stunden-Grenze nur knapp verpasst. Diesmal war er glücklich darüber, dass die Eins gerade noch Bestand hatte. Dafür entschädigte ihn der Lauf durch die List, sein altes Wohnquartier, dem er nun zuwinken konnte.

Mir wurde bei solchen Bildern ein wenig wehmütig. Nicht mal für den Start über 21 Kilometer hat es diesmal gereicht, weil die rechte Wade seit Anfang April Sperenzchen macht. Und es wird einfach nicht besser. Die anderen laufen, was das Zeug hält, ich gucke ihnen zu: Freude kommt da nicht wirklich auf.

Was bleibt? Zum einen die Hoffnung, dass es irgendwann mal wieder besser wird. Zum anderen: die blaue Linie vom Hannover-Marathon mitten auf der Straße, die nicht weit weg von meiner Wohnung den Weg durch Döhren weist und die hoffentlich noch lange zu sehen sein wird. Heute bin ich ihr zumindest einige wenige Kilometer gefolgt, am Schwarzen Weg, tief im Süden der Stadt. Und wirklich: Dabei spürte ich ein kleines, kurzes Hochgefühl.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

0 Gedanken zu „Hannover-Marathon: Hochgefühle am Tiefpunkt

  1. Olli

    „…um einiges zugelegt…“ finde ich jetzt aber maßlos übertrieben…. es war halt Winter 🙂

    Viele Grüße
    Olli

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  2. Holgi

    … im Gegensatz zu Olli habe ich tatsächlich zugelegt. Deine Wahrnehmung bzgl. meines Laufes, lieber Nobby, ist durchaus richtig … 1:30/2009, 1:59/2011, shame, Holgi! 🙂

    Beste Grüße an den laufblog,
    Holgi
    🙂

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  3. Michael alias Roter Mike

    Moin,

    ich bin nach zwei Jahren mal wieder in Hannover auf der Halbmarathonstrecke gestartet und war überrascht über die gute Stimmung an der Strecke sowie die zunehmend perfekter werdende Organisation. Selbst eine Nachbarin, die ansonsten mit Sport nichts am Hut hat, meinte gestern zu mir: „Ich war Sonntag auch zum Zuschauen an der Strecke und finde es toll, dass Hannover eine solche Veranstaltung hat“. Der Marathon scheint in Hannover zu einer Institution wie der Schützenausmarsch zu werden und das kann nur gut sein für die Stadt (sowohl sozial als auch wirtschaftlich). Weiter so!

    Herzliche Grüße vom roten Mike

    Antworten

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