Marathon für Urlauber

Carsten aus Velber (links) gehört seit Jahren zu denjenigen, die in Palma an den Start gehen. Inzwischen hat er etliche Gleichgesinnte wie etwa seinen Nachbarn Ingo im Schlepptau.

Es soll vorgekommen sein, dass man doppelt sieht nach so einem Lauf. Liegt es daran, dass da ein großer Reiseanbieter als Namensgeber bei einer Marathonveranstaltung gleich zweimal im Rennen ist und mit seinen drei Großbuchstaben aus dem Firmentitel nicht nur in Hannover, sondern auch in Palma de Mallorca, der Lieblingsurlaubsinsel der Deutschen, Flagge zeigt? Oder war es das eine Siegerbier zu viel, das diesem und jenem Läufer, nachdem er unweit der Kathedrale La Seu durchs Ziel gelaufen war, Stunden später irgendwo am Strand von El Arenal den Durchblick etwas vernebelte? Egal: Dopplungen sind durchaus gewollt, Verwechslungsgefahr besteht in der Regel eh nicht. Wer in Palma an den Start geht, der will vor allem Spaß haben – das erste Mai-Wochenende in Hannover hingegen gehört alljährlich denjenigen, die statt Sonne und Sand ihre Uhr am Handgelenk im Blick haben.

In Palma war auch nach dem 16. Oktober das knallige Gelb der Finisher-Shirts noch für einige Tage die Modefarbe. Bei der 8. Auflage des „schönsten Inselmarathons der Welt“, so die offizielle Verlautbarung der Veranstalter, haben dem Vernehmen nach 9205 Sportler für einen Teilnehmerrekord gesorgt. Allerdings, und das kommt einem aus Hannover irgendwie bekannt vor, handelt es sich dabei um die Zahl der angemeldeten Starter. Sie schmilzt dann doch etwas zusammen, wenn man sich die Ergebnislisten genauer ansieht, die eben nur diejenigen erfassen, die den Marathon (auf Mallorca diesmal von immerhin 1196 Freizeitläufern gemeistert ) oder kürzere Distanzen absolviert haben. Doch das stört keinen wirklich, der wie dieses Mal bei Temperaturen um 25 Grad Celsius schwitzend am Mittelmeer entlang rennt, während sie zu Hause in Deutschland frierend schon Pelzmützen und Wollhandschuhe aus dem Schrank holen. Und da wir schon bei Zahlen sind: Wer sich auf genaue Kilometer-Angaben verlassen will, der hat in Palmas Altstadt gleich mehrere Probleme, weil einige Schilder nicht an der richtigen Stelle stehen, was höchst erstaunliche Zwischenzeiten zur Folge hat.

Palma-typisch ist für Mitte Oktober auch eine spezielle Gruppendynamik mit eigenen Gesetzen. Carsten (38) etwa, glühender Anhänger der Fußballer von Hannover 96, gehört schon seit Jahren zu denjenigen, die bereits im November an den Herbst des folgenden Jahres denken und den Trip nach „Malle“ buchen, das Marathonpaket inbegriffen. Inzwischen hat er etliche Gleichgesinnte im Schlepptau. Beim Halbmarathon von Palma war ihm bis 2011 auch ein Titel sicher: der des (inoffiziellen) Meisters von Velber, seinem Wohnort im Westen Hannovers. Selbst schuld, dass er den jetzt los ist. Sein Nachbar und Palma-Neuling Ingo, den er kurz vor Toresschluss höchstpersönlich zum Start überredete, hat ihm den Rang abgelaufen, wenn auch denkbar knapp.

Nur gut, dass sich auf Mallorca an so einem Tag nicht alles um die die Minuten und Sekunden dreht, die Läufer voneinander trennen. Carsten und Ingo sind weiterhin gute Freunde und gute Nachbarn. In Palma gehen die Uhren eben anders.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

0 Gedanken zu „Marathon für Urlauber

  1. Holgi

    Dauerte ein bißchen — jetzt habe ich euch hier gelesen! Hessen in Deutschland nimmt euch jedenfalls wahr. Pingpank, Velber und Hannover sind sehr präsent, europaweit. Das freut den neutralen Leser!

    Liebe Grüße,
    Holgi

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