Versuch und Versuchung

Vor Läufern mit mehr oder weniger großen Ambitionen liegen schwierige Tage. Erst Weihnachten, dann Silvester und Neujahr – fast stündlich lauern da Versuchungen aus Küche und Keller, die man wenig später auf den Rippen zu spüren meint. In solchen Momenten gehört auch ein wenig Mut dazu, auf die Waage zu steigen, um mit der bitteren Wahrheit konfrontiert zu werden.

Ein, zwei Kilo mehr: Für den einen ist das der von den Maya vorhergesagte verspätete Weltuntergang, für den anderen der letzte Anstoß in den letzten Tagen des Jahres, um zu sich selbst zu sagen: Jetzt erst recht! Das Stück Torte kommt nicht auf den Teller! Und keine Ausreden mehr, wenn es draußen wieder so schüttet, dass man sich beim Laufen an mancher Stelle des Weges eine Brücke herbeiwünscht. Oder eine Fuhre Sand, weil die Strecke bei Eis und Schnee eher als Schlitterbahn taugt denn als Rennpiste.

Die E-Mail, die ich vorige Woche von Iris und Volker aus meiner Laufgruppe erhalten habe, war so gesehen das Beste, was einem in so einer Situation passieren kann. Die beiden haben nach Seelze zu einem privaten Neujahrslauf eingeladen. Zehn und 15 Kilometer, ganz nach Wunsch und individueller Befindlichkeit nach der wohl anstrengendsten Nacht des Jahres, füllen am Nachmittag das Programm. Ohne Zeitlimit, ohne Altersklassenwertung. Hinterher, so steht es in der Einladung, heißt es, im Wohnzimmer am gedeckten Kaffeetisch Platz zu nehmen. Die Kekse von Weihnachten müssten weg. Ach, da drücken wir doch mal ein Auge zu: Das macht den Bauch nun auch nicht fett!

Und das wirft einen auch nicht um. Gerade nach einem Jahr, das – läuferisch betrachtet – in negativer Hinsicht alles Bisherige getoppt hat. Wenn nichts dazwischenkommt, dann werde ich Silvester zum ersten Mal in 2012 bei einem Wettkampf starten: bei der alljährlichen Abschlussrunde um dem Maschsee, bei der es schon mal ganz schon eng werden kann. Was waren das für zwölf Monate, von denen verletzungsbedingt gefühlt die Hälfte aus Däumchendrehen bestanden hat! Das freut man sich später schon über eher läppische 40 Wochenkilometer wie ein Schneekönig. Oder darüber, wenn diesmal der persönliche Rekord am Maschsee um nicht mehr als fünf Minuten verpasst wird.

Immerhin gibt es auch hier kein Zeitlimit. Und bei der Altersklassenwertung warte ich eben das nächste Jahr ab. Irgendwann muss es doch mal wieder rund laufen.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen – auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

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