Boston – das war’s

Foto: Norbert Fettback

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Die ist die kurze Geschichte meines achten Marathons. Und (wohl) auch die meines letzten. Aufs Neue habe ich mir Ostermontag gegen 17.30 Uhr gesagt: Ist es irgendwann nicht genug? Gerade nach so einem Lauf wie dem in Boston: Bei dem man 42 Kilometer lang noch einmal all das wie im Zeitraffer erlebt, was es mit sich bringt, wenn man sich jahrelang so einer sportlichen Herausforderung stellt, und was – bei aller Quälerei – einen Marathon dennoch so reizvoll macht, dass man irgendwie nicht Nein sagen kann? Und bei dem man letztlich, wenn die Beine pausenlos Signale senden, bitte, bitte in den Ruhemodus umzuschalten, doch nur noch eines will: ankommen und ein heißes Bad nehmen!

In der schnurgeraden Beacon Street, die parallel zum Charles River entlang führt, sind mir diese Gedanken immer wieder durch den Kopf geschossen. Du weißt: Einmal auf dieser endlosen Geraden noch rechts abbiegen, ein paar Hundert Meter geradeaus und zum letzten Mal nach links – und dann siehst Du es schon, das in Gelb und Blau drapierte Ziel in der Boylston Street , das du nun doch tatsächlich erreichen wirst. Nun gibt dir also noch mal einen Stoß! Und versuche zu lächeln, denn zu Hause wird jetzt genau hingeschaut; ein (in diesem Moment zweifelhafter) Segen der Welt des Internets.

Es hätte auch auch schon im Jahr 2011 damit klappen können, in Boston durchs Ziel zu laufen, wäre nicht drei Wochen zuvor ein unerklärlicher Muskelfaserriss dazwischengekommen. Nicht viel besser war es 2014, mit dem Unterschied, dass sich Verletzungen in Knie und Wade so einstellten, dass der Start bis zuletzt am seidenen Faden hing. Wer selbst läuft, der weiß, was das an zusätzlichem Stress bedeutet und wie sich die Zweifel von Tag zu Tag mehren. Doch erneut die Reiserücktrittsversicherung in Anspruch nehmen und erneut Frustbewältigung in Südtirol betreiben? Nein, schon deshalb nicht, weil ich mir dieses Mal die hämischen Kommentare im Büro unbedingt ersparen wollte: Na, Du kriegst es wohl einfach nicht auf die Reihe mit Boston?

Foto: Norbert Fettback

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Ich wollte stark sein, trotz suboptimaler Vorbereitung. „Boston Strong“, das Motto in Erinnerung an die Ereignisse von 2013, war diesmal auch mein Motto. Und es hat geklappt, irgendwie und mit einer Zielzeit von 4:20 Stunden, die man normalerweise lieber verschweigen würde. Vor ein paar Jahren in Wien war ich schon mal eine dreiviertel Stunde schneller unterwegs. Aber da musste ich in der zweiten Hälfte auch keine Gehpausen einlegen. Und da musste ich nicht so auf die Zähne beißen wie dieses Mal. Boston und Bestzeit, nein, das hätte 2014 nie und nimmer gepasst. Und überhaupt: Mit 60 Jahren muss man sich von solchen Zielen generell verabschieden. Wie wohl auch vom Marathon, wenn man Vernunft über Emotionen siegen lässt und die mahnenden Worte der Orthopäden im Hinterkopf hat.

Schaffe ich auch das? Monika hat heute per E-Mail so nebenbei nachgefragt, ob mit Boston nun wirklich Schluss sei mit dem Marathonlaufen. Es gab 2004 ja mal ein großes Ziel für den Laufanfänger aus Hannover: dabei zu sein bei den fünf größten Marathonläufen der Welt. New York, Berlin, Chicago und jetzt Boston sind abgehakt, nach Tokio – später aus kommerziellen Gründen in die Serie aufgenommen – zieht es mich partout nicht. London fehlt also weiterhin; den bereits sicheren Startplatz von 2012 musste ich verfallen lassen. Besten Dank noch mal an die liebe Achillessehne!

Heute, am Morgen danach, schmerzen nur die Beine. Das normale Los nach 42 gelaufenen Kilometern. Nicht normal war das, was ich gestern von Hopkinton an erlebt habe. Und damit meine ich nicht, dass der Busfahrer eine falsche Ausfahrt genommen und damit den Starttermin akut in Gefahr gebracht hatte. Es sind die Menschen an der Strecke, die den Boston-Marathon so einzigartig machen und damit auch New York noch übertrumpfen. Beim Lauf durch die acht kleinen Vorstädte mit zum Teil ländlicher Idylle stehen Hunderttausende Spalier, ohne dass sich eine Lücke auftut. Es ist ihr Ereignis des Jahres. Gerade nach dem, was 2013 in Boston passiert ist. Und sie geben alles, feuern an mit unvorstellbarem Krach und viel Musik, reichen den Läufern Orangenscheiben, Zuckerstangen und Eiswürfel und sind glücklich, den Marathonis die Hand zum Abklatschen reichen zu können. Und immer wieder die Rufe „Good job“ – und dass man doch gut aussehe. Und das am Heartbreak Hill, dem vierten Anstieg in Folge, wo gar nichts mehr geht außer sich die Frage zu stellen: Ist das Schlimmste jetzt geschafft?

Ein guter Zeitpunkt, wieder mal die Kamera aus der Shirt-Tasche zu holen, um Bilder für die Ewigkeit zu machen. Auf die paar Sekunden kommt es an so einem Tag nun wirklich nicht mehr an.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

5 Gedanken zu „Boston – das war’s

  1. Quick

    Congrats Nobby,
    bist halt auch so’n (Lauf-) „Verrückter“ …. und London schaffst du auch noch!

    Greetz
    Quick

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  2. Oppermann

    Hallo Nobby,

    komme gerade vom Maschsee Rekordlauf rein.
    Der gescheiterte Marathon vom Sonntag hängt mir immer noch im Kopf herum.
    Nach 38,6 KM und einer Zeit von 03:12:45 mußte ich endgültig passen und völlig frustriert den Marathon beenden. Derartige Schmerzen hatte ich noch nie aber egal, vorbei ist vorbei. Keine HAZ-Punkte, keine Wertung, kein Stempel, das kann ich ich alles verschmerzen aber nach einem bis KM 30 so fantastischen Lauf dann derart zu versagen, das hängt nach. Ist mal wieder nicht unser Marathon gewesen, wenigstens bist du mit einer noch guten Zeit ins Ziel gekommen. Man sieht sich. LG Detlef

    Antworten
    1. Nobby

      Hallo Detlef,
      da kann man wirklich nur sagen: Es ist echt dumm gelaufen bei Dir! Ich hatte mir schon mal die Splitzeiten angeguckt, da wäre am Ende einiges möglich gewesen. Aber wenn es wirklich nicht mehr geht … Wären die restlichen knapp vier Kilometer gehend nicht mehr drin gewesen?
      Da darf ich mich vergleichsweise ja noch glücklich schätzen, in einer – wenn auch bescheidenen – Zeit ins Ziel gekommen zu sein. Lass den Mut nicht sinken, es kommen auch im Marathon wieder bessere Tage! LG Nobby

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      1. Oppermann

        Hallo Nobby,

        eigentlich gebe ich so schnell nicht auf, doch bis zur endgültigen Aufgabe sah es dann so aus:
        Übersicht
        Distanz: 39,08 km
        Zeit: 3:23:43
        Ø Pace: 5:13 min/km
        Positiver Höhenunterschied: 144 m
        Kalorien: 1.820 cal
        Details
        Zeitmessung
        Zeit: 3:23:43
        Zeit in Bewegung: 3:18:49
        Elapsed Time: 3:24:07
        Ø Pace: 5:13 min/km
        Avg Moving Pace: 5:05 min/km
        Beste Pace: 1:08 min/km
        GeschwindigkeitPace
        Höhe über Meeresspiegel
        Positiver Höhenunterschied: 144 m
        Negativer Höhenunterschied: 147 m
        Min. Höhe: 50 m
        Max. Höhe: 69 m
        Herzfrequenz
        Ø HF: 136 bpm
        Max. HF: 176 bpm
        Training Effect : 3,4
        Bereiche% max. Herzfrequenzbpm
        Runden40
        Zwischenzeiten anzeigen
        Zwischenzeit
        Zeit
        Distanz
        Ø Pace
        Übersicht 3:23:42.8 39,08 5:13
        1 4:19.4 1,00 4:19
        2 4:19.9 1,00 4:20
        3 4:22.0 1,00 4:22
        4 4:16.4 1,00 4:16
        5 4:26.3 1,00 4:26
        6 4:20.9 1,00 4:21
        7 4:19.7 1,00 4:20
        8 4:27.6 1,00 4:28
        9 4:26.2 1,00 4:26
        10 4:22.2 1,00 4:22
        11 4:33.3 1,00 4:33
        12 4:38.8 1,00 4:39
        13 4:43.5 1,00 4:44
        14 4:44.7 1,00 4:45
        15 4:34.3 1,00 4:34
        16 4:53.7 1,00 4:54
        17 4:18.1 1,00 4:18
        18 4:56.2 1,00 4:56
        19 4:44.0 1,00 4:44
        20 4:34.7 1,00 4:35
        21 4:55.2 1,00 4:55
        22 4:46.3 1,00 4:46
        23 4:52.5 1,00 4:52
        24 4:55.5 1,00 4:55
        25 5:45.9 1,00 5:46
        26 5:29.4 1,00 5:29
        27 5:10.2 1,00 5:10
        28 5:16.2 1,00 5:16
        29 5:14.2 1,00 5:14
        30 5:48.8 1,00 5:49
        31 5:21.7 1,00 5:22
        32 5:18.8 1,00 5:19
        33 6:40.8 1,00 6:41
        34 5:29.5 1,00 5:29
        35 8:41.4 1,00 8:41
        36 6:33.8 1,00 6:34
        37 6:44.7 1,00 6:45
        38 6:34.4 1,00 6:34
        39 9:34.3 1,00 9:34
        40 :07.4 0,08 1:37
        Es war einfach so, das ich weder laufen, gehen noch trippeln konnte. Ich mußte mich eine Weile hinsetzen und danach quer rüber zur Nienburger Strasse ab in die Bahn und nach Hause.
        Also Marathon werde ich die nächsten 2 – 3 Jahre nicht mehr laufen, ansonsten geht mir noch der Spaß am Laufen verloren 🙂
        Beim Maschsee Rekordlauf ging es schon wieder einigermaßen, die Zerrung ist noch nicht ganz weg aber das wird schon (hoffe ich)
        LG Detlef

        Antworten
  3. Saleh Bitar

    Laufen bei schönem
    Wetter Bei schönem Frühsommerwetter machte ich mich um die Mittagszeit zu meinem “Henkers-Lauf” auf. Danach muss ich wegen einer Ops für rund vier Wochen pausieren – und wohl auf dem Sofa angekettet werden… So wählte ich heute meine Lieblingsstrecke: Raus aus dem Dorf und der Schlucht entlang.
    Am Waldrand der Duft nach frisch geschlagenem Holz, das Parfüm von wilden Blüten. Der Bach rauschte durch den Frühlingstag – und sogar der Graureiher, den ich den ganzen Winter durch immer wieder einmal antraf, stand am Ufers stramm.
    Die Sonne versuchte den Winter, den wir kaum hatten, zu verdrücken. Die Schweisstropfen rannten über die Stirn. Von Westen schoben sich die ersten Schleierwolken als Vorboten für den morgigen Regentag über den Himmel.
    Etwas wehmütig stellte ich die Laufschuhe auf die Seite, die Pulsuhr ganz ab und verstaute sie.
    Die Zeit ohne Lauftraining wird auch ihr Gutes haben: Zeit für andere tolle Dinge, viel lesen und dann mit gesammelter Motivation auf das nächste Ziel

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