Boston – Keine leichte Übung

Vor dem Boston-Marathon: Zwei Teilnehmer posieren an der Ziellienie. afp

Vor dem Boston-Marathon: Zwei Teilnehmer posieren an der Ziellienie. afp

Eigentlich will ich es gar nicht wissen. Es wird auch so schwer genug. Sollen sich doch mal die anderen verrückt machen. Und von denen gibt es anscheinend genug. Wer auf der Zuschauertribüne im riesigen Convention Center von Boston, das seit Freitag als Marathontempel dient, einen Platz ergattern will, der muss viel Zeit mitbringen. Per Film wird hier im Schnelldurchlauf die Strecke vorgestellt, die am Montag beim ältesten Stadtmarathon der Welt zu bewältigen ist. Von Hopkinton bis zur Boylston Street im Herzen von Boston, ein stetes Auf und Ab über 42 Kilometer. Und eine Achterbahnfahrt für Laufschuhträger, die einen umwerfen kann. Gerade dann, wenn nicht alles rund gelaufen ist in der Vorbereitung auf einen solchen Tag.

Friedhelm Boschulte (68) aus Borgholzhausen ist den Marathon in Boston schon an die 20-mal mitgelaufen. Jetzt ist er Reiseleiter, der seinen Leuten den Kurzurlaub in Massachusetts so angenehm wie möglich machen möchte. Und dann so eine unverblümte Ansage, das sei „ein harter Kurs mit fiesen Anstiegen“. Wichtig sei nur durchzukommen. Worauf habe ich mich da nur eingelassen auf die alten Tage? Bin ich doch im falschen Film?

Deshalb habe ich einfach nicht mehr hingeschaut und bin weggegangen, als das Streckenvideo bei Kilometer 25 war. Dort, in der Nähe der Feuerwache in Newton, beginnt der härteste Abschnitt: etwa acht Kilometer mit vier Anstiegen, Gift für einen Flachlandbewohner. Ich fühle jetzt schon den Dauerschmerz in Waden und Oberschenkeln. Ist es denn ein Zufall, dass nach der Feuerwache der nächste markante Punkt an der Strecke das Krankenhaus von Wellesley ist? Ich bereue es, nicht ab und an zum Laufen in den Deister gefahren zu sein, auch wenn es dort keinen Heartbreak Hill gibt wie in Neu-England.

Im Boston Public Garden, der sich im Zielnähe befindet, tragen auch die Enten Startnummern.  Fettback

Im Boston Public Garden, der sich in Zielnähe befindet, tragen auch die Enten Startnummern. Fettback

Schon zum 118. Mal wird am Ostermontag der Boston-Marathon gestartet. Es ist kein Jubiläumslauf, aber ein ganz besonderer. Voriges Jahr verloren drei Menschen bei einem heimtückischen Bombenattentat in Nähe des Ziels ihr Leben, 260 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Erinnerung daran ist immer noch frisch. Blaue T-Shirts mit dem Aufdruck „Boston Strong“, einer Solidaritätsaktion zugunsten der Opfer, gehören dieses Jahr auf der Marathonmesse zu den meistverkauften Artikeln. Überall in der Stadt hängen großformatige Plakate mit dem Aufdruck „We run together“, die das Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck bringen sollen. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass die Polizei in diesen Tagen in der Boylston Street in unmittelbarer Nähe der Marathonmesse mit zig Beamten und permanentem Blaulicht präsent ist.

Die Läufer haben sich nicht einschüchtern lassen. 35 600 Namen aus 70 Ländern zählt die Starterliste, das ist eine rekordträchtige Resonanz und ein Zeichen für Courage und Mitgefühl. An den verschärften Sicherheitsbestimmungen nimmt kein Sportler groß Anstoß. In die gelben Busse, die sie zum Start nach Hopkinton bringen, dürfen zum Beispiel keine Rucksäcke und ähnliche Behältnisse mitgenommen werden. Darin hatten die Attentäter 2013 die Bomben versteckt.

Hilft also nichts: Ostermontag heißt es, sich am Morgen warm anzuziehen, ehe es raus geht auf die grüne Wiese nach Hopkinton. Die überflüssigen Klamotten werden dann dort liegen gelassen – irgendein Verwendungszweck wird sich schon finden. Auch für meinen Trainingsanzug, der ohnehin längst zwei Nummern zu groß ist und der nur noch darauf wartete, entsorgt zu werden. Den wegzuwerfen, ist für mich am Montag wahrlich die einfachste Übung.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

2 Gedanken zu „Boston – Keine leichte Übung

  1. Ingo

    Glückwunsch zum Titel „Boston Finisher“! 🙂 Freut mich für dich, Norbert, dass du das Rennen geschafft hast! Super! Gerade weil die Vorbereitung ja nicht so lief, wie du dir das vorgestellt hast!
    War die Strecke so schwierig wie befürchtet? Würde mich freuen, wenn du noch einen kleinen Erfahrungsbericht schreibst! 🙂

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  2. Oppermann

    Hallo Norbert,

    das ist doch aller Ehrenwert!
    Diese Zeit bei der Krankengeschichte – Respekt! Und natürlich ganz herzlichen Glückwunsch.

    Results: Runner
    1 result | last name: Fettback | first name: Norbert
    Place Overall Place Gender Place Division Name BIB HALF Finish Net Finish Gun
    22001 12879 642 » Fettback, Norbert (GER) 22381 01:58:57 04:20:48 04:26:20

    LG Detlef

    Antworten

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