Stille auf der Tartanbahn

Alexander Bley beim 1500-Meter-Rennen in Osterode, wo er 3:53,29 Minuten lief.

Alexander Bley beim 1500-Meter-Rennen in Osterode, das er nach 3:53,29 Minuten beendete.

Diese Stille! Dabei machen die Zuschauer im Stadion so viel Krach, dass andere sich die Ohren zuhalten möchten. Ein Szenario, auf das sich Alexander Bley immer wieder einstellen muss. Auch in den nächsten Tagen: Vom 25. Juni bis 3. Juli treffen sich im bulgarischen Stara Zagora Leichtathleten zu ihrer Weltmeisterschaft. Es ist das Championat der Gehörlosen. Und für Bley, den schnellen Mittelstreckler aus Hannover, eine besondere Herausforderung.

Auf der Tartanbahn geht es für den 25-Jährigen, der auf beiden Ohren taub ist, über 800 und 1500 Meter diesmal nicht darum, gegen Konkurrenten ohne Handicap zu bestehen, wie er es schon oft gezeigt hat.

Vor wenigen Tagen stand Alexander Bley beim Abendsportfest in Minden am Start über 1000 Meter. Ein letzter WM-Test, den er mit Bravour bestand. 2:27,97 Minuten zeigte die Uhr bei der Generalprobe für ihn als Sieger an, neuer deutscher Gehörlosen-Rekord und zugleich Platz 1 in der Jahresbestenliste des Niedersächsischen Leichtathletik-Verbandes. Aber anders, als es in den nächsten Tagen der Fall sein wird, war in Minden die Schnecke hinter dem Ohr sein Begleiter. Das lassen – im Unterschied zu sportlichen Vergleichen der Gehörlosen – die Wettkampfbestimmungen zu. Ohne das unscheinbare Gerät kann Bley nicht wahrnehmen, was die Leute um ihn herum sagen. Ein Schrei bleibt ohne diese Technik für ihn stumm, Klatschen und Anfeuerungsrufe – was die besondere Atmosphäre in einem Stadion mit ausmacht – sind allenfalls zu erahnen. Auch die Anweisungen des Trainers während des Laufs können ihn ohne die Schnecke nicht erreichen.

Die Taubheit ist Folge einer Hirnhautentzündung. Sie wurde festgestellt, als Bley elf Monate alt war. Im Februar 1992 implantierten ihm Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover eine Cochlear-Hörprothese; er war weltweit das jüngste Kind, dem ein solches Hightech-Gerät eingesetzt wurde. Es begleitet ihn bis heute; nur das Mikrofon hinter dem rechten Ohr ist seitdem einige Male ausgetauscht worden. Bley, der an der Leibniz Universität im vierten Semester Maschinenbau studiert, ist damit mittendrin im Leben. Und bereit für den Sport, der für ihn an vorderster Stelle steht.

Fußball, Tennis, Schwimmen, Laufen – Bley hat einiges ausprobiert im Laufe der Jahre. Und er hat Erfolg, wenn er seine Runden dreht. Vor wenigen Wochen hat der 25-Jährige, der aus Osterwald stammt, für Hannover Athletics startet und bis zu zwölfmal in der Woche trainiert, seine Bestzeit über 1500 Meter auf 3:53,29 Minuten verbessert – auch ein deutscher Rekord der Gehörlosen. In Niedersachsen war 2016 nur ein Läufer schneller. Vergessen die schlimme Zeit zwischen 2010 und 2014, als ihm aufgrund eines schweren Rheumaleidens immer wieder die Beine versagten und die Schmerzen ihn zu besiegen drohten. Drei Jahre ohne Sport – „es hatte mich schlimm erwischt“, sagt Bley, der die Hoffnung, dass ihm ein Arzt helfen könnte, schon fast aufgegeben hatte.

Nun läuft er wieder. Und wie. Ohne Medaille will er aus Stara Zagora nicht zurückkommen, das hat er sich für seinen Doppelstart fest vorgenommen. Dafür hat er im Vorfeld zusammen mit Trainer Markus Pingpank viel getan. Nicht zuletzt im Höhentrainingslager in Flagstaff in den USA.

In Bulgarien muss Bley es in den nächsten Tagen alleine richten. Obwohl er die schwarz-rot-goldenen Farben vertritt, gibt es vom Deutschen Gehörlosen Sportverband (DGS) keine Unterstützung. Die WM rangiert beim DGS unter ferner liefen, eine Budgetplanung für Stara Zagora hat es anscheinend gar nicht gegeben. Die Reise finanziert Bley aus eigener Tasche und mit Sponsorenhilfe. Ohne die liefe generell nichts, wie er sagt. „Sonst wäre für mich Sport in dieser Intensität nicht möglich.“ Zufrieden ist er mit der Unterstützung durch den Olympiastützpunkt in Hannover, wo Bley als Kaderathlet geführt wird und wo ihm, wie anderen Assen, die Türen offen stehen, wenn er Hilfe von Physiotherapeuten braucht oder den Kraftraum nutzen möchte.

In Stara Zagora sind bei der Weltmeisterschaft Leichtathleten startberechtigt, deren Hörverlust auf beiden Seiten mindestens 55 Dezibel beträgt. Alle müssen bei den Wettkämpfen auf jene technischen Hilfsmittel verzichten, mit denen sie sonst durchs Leben gehen. Zur Verständigung dient dann Zeichensprache – oder man liest von den Lippen ab. „Da ist noch mehr Konzentration nötig als sonst schon“, sagt Bley. Den Startschuss zu den Rennen ersetzen Lichtsignale, niemand soll einen Vorteil haben.

Wie er mit der Stille umgehen muss, weiß Bley, und Lampenfieber vor seiner ersten WM ist ihm nicht anzumerken. Er vermag einzuschätzen, zu was er in der Lage ist, und er meint sogar, noch zulegen zu können. Nicht nur in Bulgarien. Stara Zagora soll für ihn ein Etappenort sein zum großen Ziel: den Deaflympics 2017 in Samsun in der Türkei, den Olympischen Spielen der Gehörlosen. „Mein Ziel dort ist Gold“, sagt er. „Dafür tue ich alles.“

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

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