HAZ-Vorbereitungsgruppe: Dieter Geyer – der „Leuchtturm“ vom Benther Berg

Dieter Geyer. Foto: Kutter

Wenn sich am Sonntag um Punkt 9 Uhr an die 3000 Marathonläufer am Friedrichswall in Bewegung setzen, wird Dieter Geyer inmitten des farbenfrohen Gewusels nicht zu übersehen sein. Nicht, weil er vorneweg rennen oder besonders originell gekleidet sein wird. Zwei Meter über seinem Kopf wird die ganze Zeit ein großer knallgelber Ballon schweben, den er mithilfe einer Leine hinter sich herziehen wird. Ein Blickfang, der auf andere Läufer Jahr für Jahr wie ein Magnet wirkt. 20 bis 30 Sportler, meint Geyer, werden sich ihm auf den 42,195 Kilometern an die Fersen heften. „Am besten die ganze Zeit bis ins Ziel“, sagt der Mann aus Velber, „das wäre für mich eine schöne Belohnung.“ Und es würde ihm diesen speziellen Tag zusätzlich verschönen. Der 62-Jährige, der erst als Mittvierziger das Laufen für sich entdeckte, tritt am 8. April zu seinem 75. Marathon an; seit zehn Jahren ist er Teil der Vorbereitungsgruppe der HAZ und damit gewissermaßen ein Gründungsmitglied.

Da kommt ihm der Zusatzjob als „Leuchtturm“ in Hannover besonders gelegen. Geyer ist einer der insgesamt 39 sogenannten Zug- und Bremsläufer, die die Marathon- und Halbmarathonstarter unterstützen. Auf seinem Ballon wird „4:15“ zu lesen sein, die angestrebte Zeit in Stunden und Minuten, in der das Ziel erreicht sein soll. Am Rucksack, den Geyer über dem Pacemaker-Shirt tragen wird, werden Zwischenzeiten für bestimmte Kilometermarken vermerkt sein. Auch das ist wichtig zur Orientierung und Renneinteilung, wenn es am Ende passen soll. Erst recht an einem warmen Tag, wie ihn die Meteorologen für den 8. April voraussagen.

Vor allem wenig erfahrene Läufer suchen und schätzen diesen Service. Wer möchte schon Schiffbruch erleiden, weil er zu stürmisch losgelegt und sich damit hoffnungslos überfordert hat? Da kann einer wie Dieter Geyer, der mit gutem Beispiel voranläuft, viel Routine und nicht zuletzt ein gutes Tempogefühl mitbringt, gegensteuern. Wenn Markus Pingpank, Trainer der HAZ-Gruppe, Geyer als „zuverlässig und hilfsbereit“ bezeichnet, schließt das auch diesen Punkt ein.

Dieter Geyer beim Zermatt-Marathon.

Eine Konstellation, über die sich Carlotta Kleiner freut. Die 24-Jährige tritt zu ihrem ersten Marathon an und hat sich dazu ihre Heimatstadt ausgesucht. Und Dieter Geyer als Zugpferd für die von ihr anstrebten 4:15 Stunden. Ihn hatte sie bereits in der HAZ-Vorbereitungsgruppe seit November 2017 bei den 14-tägigen gemeinsamen Trainingsläufen an ihrer Seite. Auch bei der Generalprobe, dem Halbmarathon bei Eis, Schnee und fiesem Ostwind in Springe vor ein paar Wochen, habe die Unterstützung bestens geklappt, berichtet Kleiner. „Dieter nimmt alle mit, er achtet auf jeden, und er kann einen mit seiner positiven Energie hervorragend motivieren in schwierigen Momenten.“ Davon wird es am Sonntag auf den gut 42 Kilometern einige geben, nur nicht für die Debütantin Carlotta Kleiner.

Für Geyer ist es der 15. Lauf als Tempomacher, außer in Hannover war er auch schon in Hamburg, Bremen oder Luxemburg im Einsatz. Auf den Ballons stand dann entweder „4:00“ oder „4:15“. Zielzeiten, für die es bei ihm quasi Garantie gibt. Als Richtwerte für Abweichungen nennt er „zwei Minuten drunter oder drüber“. Das habe er fast immer hinbekommen. Aber wie? „Du musst kontrolliert laufen und die Zwischenzeiten im Auge behalten“, sagt der Chemielaborant. Auf der Marathonstrecke kocht er sein Rennsüppchen als Vornewegläufer nach dieser Methode: etwas langsamer angehen, nach dem Einlaufen an Tempo zulegen und sich ein kleines Zeitpolster für den Schluss schaffen, wenn die Kräfte schwinden. So soll das auch am Sonntag sein.

Bei seinem Job mit dem gelben Ballon muss Geyer häufig auf die Uhr schauen. In der Regel hält er aber nicht viel davon. Ihm gehe es „ums Laufen an sich“, sagt er. Bestzeiten – seine im Marathon steht bei 3:36 Stunden ­– sind da allenfalls Beiwerk. Wichtiger sei ihm, durch das Laufen andere Länder und unbekannte Städte kennenzulernen, zusammen mit seiner Ehefrau Marion, die ihn stets begleitet. Urkunden und Medaillen künden von Starts etwa in Barcelona, Budapest, New York oder Tallinn; je achtmal war er beim Brockenmarathon und beim Rennsteiglauf dabei. Noch höher hinaus ging es bei Wettkämpfen in Zermatt oder Davos. Das ist schon etwas anderes als der Benther Berg vor seiner Haustür.

Jetzt wieder mal Hannover. Zum sechsten Mal als Tempomacher, der anderen dabei hilft, sich einen Traum zu erfüllen. Für Dieter Geyer, den erfahrenen Marathoni, ist das auch 2018 immer noch eine besondere Herausforderung.

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Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

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