Nach dem Marathon-Wochenende: Cool bleiben

Der Autor während seines Laufs am Aegi. Foto: Clemens Heidrich

Und dann war da dieser junge Mann am Ende der Friesenstraße. Abseits vom allgemeinen Trubel an der Strecke, im schwarzen T-Shirt, mit einem Schild in der Hand. „Cool bleiben“ – so seine Botschaft an die vorbeihuschenden Läufer. Netter Versuch bei gemessenen 22, gefühlt jedoch 30 Grad Celsius.

An so einem sonnigen Sonntag stellt sich schon die Sinnfrage: Soll ich wirklich weitermachen? Jetzt, da es gerade auf die zweite Hälfte des Halbmarathons geht? Zur Wohnung in der Kronenstraße wären es nur ein paar Meter. Da lockt die Dusche. Es müssten nicht weiter die mit Wasser gefüllten Pappbecher vom Getränkestand sein, die man über dem Kopf ausschüttet, um sich Abkühlung zu verschaffen. Eindeutig die bessere Alternative!

Wir wissen nicht, wie viele Sportler am Sonntag in Hannover so einer Verlockung nachgegeben haben. Oder schlicht den inneren Schweinehund zum Sieger erklärten und sich Richtung Stadtbahn aus dem Rennen verabschiedeten. Darüber werden keine Statistiken geführt; man erfährt davon im Bekannten- und Freundeskreis oder kann im Internet nachlesen, wie es anderen ergangen ist. Aber es müssen nicht wenige gewesen sein. Die Ergebnisliste für den Halbmarathon weist exakt 8500 Einträge für diejenigen aus, die am Friedrichswall das Ziel erreichten. Gemeldet für diesen Wettbewerb hatten weit mehr als 10.000. Auch beim Marathon war die Differenz zwischen registrierten Läufern und denen, die die gut 42 Kilometer tatsächlich meisterten, immens: knapp 2900 hier, 2017 da. Darunter Top-Favoriten wie Fate Tola, Gilbert Kirwa und Cheshari Jacob. Wo ist der Rest abgeblieben?

Womit sich auch die Frage stellt: Muss man sich eigentlich schämen, wenn man aussteigt? Ist es eine Schande, ein Rennen nicht zu Ende zu bringen, auf das man sich mitunter monatelang vorbereitet hat? Ich sage: nein. Nur soll man es sich mit so einer Entscheidung nicht zu leicht machen. Weil man sich so selbst eine Enttäuschung bereitet, die nachwirkt. Und auch jenen, die einen in Gedanken oder als Zuschauer begleiten. Aber wenn es einen triftigen Grund gibt: nicht lange nachdenken, sondern handeln. Die Gesundheit muss immer Vorfahrt haben.

Am Sonntag, das sei hiermit eingestanden, habe ich nicht nur einmal überlegt: Willst du das an diesem extrem warmen Frühlingstag durchziehen mit den 21 Kilometern? Zum ersten Mal schon am Aegi, da ist der Weg zurück zu Start und Ziel am kürzesten. Dann in der Oststadt, wo es gleich um die Ecke zu meiner Wohnung geht. Doch ich habe widerstanden und mich durchgebissen. Auch dank der Anfeuerung vom Streckenrand und des aufmunternden Klingeltons meiner nimmermüden Fahrradbegleiterin, der Musik in meinen Ohren war.

Durchgehalten: Darauf bin ich ein wenig stolz nach dem Comeback nach zwei Jahren verletzungsbedingter Wettkampfpause. Trotz eines Ergebnisses aus meiner läuferischen Urzeit. Knapp unter zwei Stunden – so hatte alles 2004 beim Hiddestorfer Rübenlauf angefangen. Jetzt fast eine halbe Stunde über der eigenen Bestzeit und eine runde Viertelstunde langsamer als noch 2016 in Hannover, das muss man erst mal wegstecken. Vor allem, wenn man unterwegs längst weiß, was für eine Diskrepanz sich auftut zwischen dem, was mal war, und was aktuell geht mit fast 65. Und wenn die Hitze noch ein Übriges tut.

Geholfen haben mir auch Reinald und Thomas. Die beiden sind ebenfalls den Halbmarathon gelaufen, wir gehören demselben Verein an, dessen Trikot ich am Sonntag zum ersten Mal getragen habe. Ich fühlte mich in der Pflicht: Für die Senioren-Mannschaftswertung bei der deutschen Meisterschaft müssen drei Läufer ins Ziel kommen. Ich komplettierte das Trio. Gesehen haben wir uns am Start und dann wieder im Ziel, beide waren um einiges schneller als ich. Was zählte, war anzukommen und nicht aufzugeben. Geschafft!

Und nun? Doch mehr Rennrad fahren? Beim Laufen die längeren Distanzen besser meiden, wie der Trainer meint? Beides hätte was. Klar sein dürfte: Es kommt nicht so sehr auf den Blick zur Uhr am Handgelenk an. Spaß soll es machen, wenn man in Laufschuhen unterwegs ist. Also: Immer schön cool bleiben!

Hier findert ihr alle Teilnehmerfotos vom Hannover-Marathon 2018.

Dieser Beitrag wurde am von in Wettkämpfe veröffentlicht. Schlagworte: .

Über Norbert Fettback

Norbert Fettback hat als Sportredakteur der HAZ die Fußballer von Hannover 96 rund 25 Jahre lang durch dick und dünn begleitet. Erst mit 50 entdeckte er für sich selbst das Laufen - auch um mehr als 40 überflüssige Pfunde loszuwerden. Nach der Premiere in New York (2005) absolvierte er Marathons unter anderem in Berlin, Chicago, Wien und Boston. Aufgrund diverser Verletzungen hat er sich bei der Wahl der Streckenlänge inzwischen mit dem Motto angefreundet: je kürzer desto besser.

6 Gedanken zu „Nach dem Marathon-Wochenende: Cool bleiben

  1. Astrid Lenhard

    Lieber Norbert,
    was für ein treffender Bericht! Welch´ passende Worte.
    Ich selbst war auch in der HAZ-Vorbereitungsgruppe und habe bei diesem Marathon (bereits meine 4.Teilnahme) wirklich sehr mit mir gekämpft und an zwei Punkten auch tatsächlich an das Aufgeben gedacht. Kiloneter 33 war der erste Punkt, es ging aber irgendwie weiter (nach mentalem Aufbau meiner Familie), Kilometer 39 (!!) der zweite Punkt…. es war gefühlt noch so lang, zu lang! Es sind ganz schreckliche Momente, lange zehrende Meter in denen man mit sich hadert: Gebe ich jetzt auf? Man wägt ab. Was hält mich noch auf der Strecke? Warum tue ich es mir an? Die anderen Gedanken sind: Ich habe verdammt nochmal 6 Monate lang trainiert, mich teilweise gequält, unglaublich viel Zeit und Energie in dieses eine Projekt gesteckt. Damit ich aufgebe…. NEIN, ich habe es geschafft. Nach 3:56 (dazu meine persönliche Bestzeit bei der Marathon-Distanz) war ich im Ziel. Und wie heißt es so schön: Der Schmerz geht, der STolz bleibt!
    Danke für diesen Bericht!!

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    1. Norbert

      Liebe Astrid,
      da kann ich Dir auch nur gratulieren! Du hast nicht nur durchgehalten, sondern mit einer persönlichen Bestzeit auch noch etwas Bleibendes vollbracht. Und das bei diesen Wetterbedingungen! Davon kannst Du gewiss noch lange zehren. Erhol Dich gut!

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  2. Detlef

    Hallo Nobby,
    treffender kann man es nicht beschreiben, was da am Sonntag so abging. Mir ging es da wie dir und am KM Punkt 10 habe ich ernsthaft aussteigen wollen, etwas das ich nicht sehr gerne mache doch irgendwie stand ich kurz davor. Die Initialzündung es nicht zu tun und doch weiter Richtung Ziel zu streben, war als Reinald an mir vorbeilief, da hat es irgendwie KLICK gemacht, „Mensch Detlefs bist du hier im falschen Film? Nein! Und so habe ich dann alles auf eine Karte gesetzt und Fahrt aufgenommen. Allerdings hatte ich im Ziel dann arge Kreislaufprobleme, etwas das ich bislang auch noch nicht kannte. Mein Fazit ist, ich werde das tun was Markus mir mit auf den Weg gab, in Zukunft die kürzeren Strecken zu laufen. Wettkampfmäßig war das am Sonntag mein letzter HM. Ich wünsche dir noch viel Spaß und es werden für dich mit Sicherheit wieder wesentlich bessere Lauf tage kommen.
    LG Detlef

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    1. Norbert

      Hallo Detlef,
      ich hoffe, Du hast Dich inzwischen aus dem körperlichen Tief herausgekämpft. Wirklich allen Respekt dafür, dass Du auf der zweiten Hälfte alles gegeben und die Aufgabegedanken nicht wahrgemacht hast. Vierter in der DM-Wertung in der M65: Was willst Du mehr. Bei Gelegenheit dann als ein Wiedersehen auf der 5- und der 10-Kilometer-Strecke!
      LG Norbert

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  3. Reini1

    Hallo Nobby,
    ein schöner Bericht. So kann nur jemand schreiben,der es gelebt hat.
    Gedanken und Gefühle vieler Läufer gut formuliert.
    … und die Zielzeiten, ich war noch über 18 Min. länger unterwegs und es hat Spass gemacht. Es müssen nicht immer persönliche Bestzeiten sein. Mir hat der uns bekannte „Rono“ vor vielen Jahren als ich ständig schneller wurde sinngemäß gesagt „ schwer wird es wenn keine PB mehr möglich sind. Dann weiter zu machen… „

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    1. Norbert

      Hallo Reini,
      schade, dass wir uns am Sonntag nicht gesehen haben. Aber auch durch bist ins Ziel gekommen – Respekt! Und was Rono gesagt hat: Er hat ja so recht!
      VG Nobby

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